MYTHOS
Mythos I

Aller Töne Anfang liegt am Herzen des Menschen
Des Menschen Herzen bewegen die Dinge von außen,
So entsteht das Gefühl, das sich in Klänge formt,
Die sich wandeln wie dieses.
Töne nennt man die Ordnung der Klänge.
Klingen diese, abgestimmt aufeinander,
Dazu des Tanzes Bewegung
Mit Speer und Schild, mit Flöte und Federn,
Dann nennt man dies alles Musik.
Laotse



Vom Anbeginn der Menschheitsgeschichte finden rituelle Kulthandlungen immer im und mit Klang statt. Vom Flüstern über Sprechen zum Gesang und Schrei reichte die erste klangliche Ausdrucksform der Menschen, die erste Verlautbarung, das erste Wort.

Klang ist in der Mythologie die Brücke zwischen den lebenden Menschen und den verstorbenen, zwischen den lebenden Menschen und den Göttern. Die Schöpfungsmythen der Naturvölker berichten von einem dunklen Klang als der Mutter des Weltenschöpfers. Ähnliches findet man bei den afro-asiatischen Hochkulturen und den indianischen Kulturen.

Auch die zweite Stufe der Entwicklung ist rein klanglich, sie stellt die Verbindung zwischen Klang und Phänomenen dar, beschrieben als blitzender Donner oder als singendes Gestirn, als klingendes Morgenrot, als leuchtender Gesang, zusammengefaßt unter dem Überbegriff des Lichtklangs.

Dieser Lichtklang ist die zentrale Ursubstanz. Er ist immer noch unsichtbar, jedoch wurden hier sichtbare Urbilder und hörbare Urklänge abgeleitet, die dadurch ihre unterschiedlichen Gestaltqualitäten für den Geist sicht- und begreifbar werden ließen.

Dieser Lichtklang, die bedeutungsvolle Ursubstanz, verlieh seinem Besitzer unendliche Macht. In der Folge von Auseinandersetzungen hinsichtlich dieser Macht entschlüpfte der Klang eines Tages den Göttern und ließ sich in den Gewässern, den Bäumen, den Steinen, den Trommeln und Zithern, den Bögen und Wagenachsen nieder.

Die Welt materialisierte sich durch diesen Vorgang. Die Hörbilder wurden zu Abbildern, die immer konkreter sicht- und greifbar wurden. Der Klang ging in der entstehenden Materie unter, er wurde Teil von ihr.



Mythos II

Gott schläft in den Steinen, atmet in den Pflanzen, träumt in den Tieren und erwacht im Menschen. (aus den indischen Veden)

In der indischen brahmanischen Schöpfungsmythologie wird berichtet, daß die ersten Menschen durchsichtige, leuchtende und klingende Wesen waren, die über die Erde flogen. Erst als sie sich zur Erde herabließen und begannen Pflanzen zu essen, verloren sie ihre Leichtigkeit und ihre eigene Leuchtkraft. Ihre Körper wurden undurchsichtig und das Einzige, das von ihrer ursprünglichen Tonsubstanz übrig blieb, war ihre Stimme.

Der Schall bildet auch in der indischen Mythologie das allen kosmischen Erscheinungen gemeinsame Urelement. Götter sind die reinsten Klänge. Von den anderen Lebewesen bis zu den Gegenständen sinkt die Größe und Art des Anteils zwar allmählich ab, aber es gibt trotzdem kein Ding, das nicht irgendeine verborgene Stimme hätte.

Einen ganz spezifischen Anteil an der Ursubstanz hat der klingende Stein, insbesondere der vulkanische Phonolit, den man als die älteste Materie betrachtet. Felsen, die eine menschen- oder tierähnliche äußere Gestalt aufweisen, gelten als versteinerte Götter oder Hymnen. Aus der gleichen Vorstellung von der Natur der Materie entspringt auch die Idee, daß Gestirne, Menschen und Tiere ebenfalls aus Steinen hervorgegangen sein könnten.



Mythos III

Die Götter ließen einst an einem langen Seil eine Banane und einen Stein herab, um die Menschen auf die Probe zu stellen, welches Geschenk des Himmels sie vorziehen würden. Erwartungsgemäß entschieden sich die Neuguianer für die Lebensfrucht Banane.

Dieser Moment besiegelte aus der Sicht des Mythos die Sterblichkeit des Menschengeschlechts. Indem der Mensch sich gierig an die reife Frucht des Lebens klammert, verliert er das Leben. Hätte er dagegen den vordergründig weniger attraktiven Stein gewählt, dann hätte der Mensch von den Göttern als Belohnung das Geschenk der Unsterblichkeit erhalten.