INTERRELIGIÖSE WELTMUSIK

 
Die Erde, vor fünf Milliarden Jahren entstanden, ist heute weitestgehend äußerlich ruhig, es brodelt jedoch nachwievor intensiv in ihrem Innern. Auf ihrer Kruste erkalteten nach und nach die zunächst flüssigen Gesteine, zogen Eisen und Nickel zur Mitte, bauten den Erdkern, glühten, schufen sich immer wieder Durchlässe, um die überflüssige Wärme loszuwerden. Vulkane öffneten die Kruste, Wasserdampf trat aus, aus den chemischen Verbindungen entstand Wasser, ebnete den Krater ein, bildete die großen Seen und Meere, die Kruste wurde dicker, stärker, brach erneut auf, bildete die Platten aus, die Kontinente, die immer in Bewegung sind, wandern und als Gesteinsgebilde die Struktur prägten. Der Stein und das Wasser sind die Grundbestandteile des Planeten.

Jeglicher dieser Vorgänge ist mit Lärm, Krach, Klang und Musik verbunden. Erwähnung finden diese Phänomene in den Disziplinen der Geologen, der Geowissenschaftler nicht. Die Musiker dagegen kennen ihn, den Lichtklang, der in den Mythen die Ursubstanz alles Geschaffenen bildet. Hieraus entstanden die Urbilder, Urklänge, die durch ihre verschiedenen rhythmischen Gestaltungen für den Geist sicht- und begreifbar wurden. Wer diesen Gesang in seine Gewalt bekam, so sagt man, dem war unendliche Macht gegeben. Doch eines Tages entschlüpfte der Gesang den Göttern und ließ sich in den Gewässern, in den Bäumen, den Steinen und schließlich in den Trommeln und Zithern, Bögen und Wagenachsen nieder. Die Welt, ursprünglich rein akustischintellektuell, materialisierte sich, der Schall ging in die entstehende Materie über.

In den Mythen wird dieser Klang verstanden als Brücke zwischen den lebenden Menschen und den Göttern. In den Schöpfungsmythen findet sich dazu des weiteren ein dunkler, überbegrifflicher Klang, der als Mutter des Weltenschöpfers bezeichnet wird und die erste akustische Verlautbarung darstellt. Auch alle weiteren Äußerungen sind klanglich-akustisch, der mit dem Blitz verbundene Donner, die Bewegungen des Weltalls der musica mundana, das klingende Morgenrot, der leuchtende Gesang.
Sehr viel später kamen die Menschen hinzu, deren Entwicklung wesentlich geprägt ist durch das Hören, dem hörenden Empfindungswahrnehmen gegenüber der Natur, dem Mitmenschen, Nichthören trennt von den Menschen, Nichtsehen von den Dingen, wie Kant, der Philosoph dies formulierte und die Sinne ordnete. Im weiteren gingen in den folgen-den Zeiten viele Teile der Menschheit den Weg der sprachlichen Materialisierung, der Schrift, und, wenn auch mit größerem Abstand, wurden Zeichen für den akustischen Klang gesucht, auch gefunden, andere Kulturen wurden dadurch an den Rand gedrängt. Wäre die Entwicklung der Menschheit nicht Schrift- sondern Hörgeprägt gewesen, wie wäre sie verlaufen? Wären gerade wir in Mitteleuropa sensibler, feiner in der hörenden Empfindung? Wäre unser Bewußtsein aufgrund der viel höheren und umfangreicheren klanglichen Wahrnehmung ungleich bedeutungsvoller? Wären wir ethischmoralisch ungleich höher entwickelt durch die Tatsache, daß Musik nicht lügen kann? In allen Bereichen menschlichen Lebens ist das Ohr beteiligt. Es ist das Organ, welches, im Gegensatz zum Auge nicht zu schließen ist, welches den Gleichgewichtssinn prägt und unsere Befindlichkeit steuert. Jegliche Weltanschauung, jeglicher Glaube, jegliche Religion ist mit Musik verbunden, mit Klang, Rhythmus, Akustik, sei es in Indien, China, im arabischen Raum, im Abendland, in Amerika.

Der Beginn der Musik des Abendlandes, jenseits aller musikethnologischen Forschungen wird festgelegt mit dem schriftlichen Verdikt des Papstes Gregor aus dem 6.Jahrhundert, der den Klöstern abverlangte, ihre Musik, ihre vokale Textausschmückung zu notieren.  Ab hier kennen wir, über das Zeichen, den Klang, wird unsere historische Vorstellung geprägt.

Für die nächste große Epoche, die der unbegleiteten Mehrstimmigkeit ist in diesem Fall nicht eine Person der Ausgangspunkt für die Entwicklung, sondern ein Gebäude steht im Mittelpunkt und die Menschen, die dort wirkten. Die Kathedrale Notre Dame in Paris, ein Gebilde außerordentlicher Klanglichkeit, aus Stein gebaut. So kann die Geschichte weiter aufgerollt werden, was hier jedoch zu umfangreich in der Darstellung wäre. Letztendlich war es immer wieder der Klang, der die Entwicklung bestimmte, die Auseinandersetzung in der Kirche zwischen Wort und Ton. Klang war in allen religiösen Zusammenhängen Grundträger emotionaler Befindlichkeit, rituellen Fühlens und resonierenden Seins. Er ist unsichtbar, wird mit allen anderen Sinnen aufgenommen und erfaßt. Resonanz ist das Phänomen, welches die Sonanz im eigenen Inneren hervorruft, dort wo religiöse Wahrnehmung im eigenen Rituellen, jenseits der Sprache sich ereignet. Dort wo alle anderen Sinne ihre eigene Sinnlichkeit erfüllen. Dort wo Klang sich im eigenen menschlichen Inneren ereignet und auf die anderen Ebenen trifft.

An dieser Klanglichkeit war in der Welt immer der Stein beteiligt, in seiner Klanglichkeit, seiner räumlichen Dominanz, seiner umfassenden Resonanz, die kein anderes Material ansonsten bietet. Er ist die Materie, die den größten Teil unseres Planeten ausmacht, das Wasser, mit ihm verbunden, gleichzeitig das einzige Element, welches ihn zerstören kann, kommt an zweiter Stelle. Dies sind die Klangwelten, die Gesetzmäßigkeiten der akustischen Welten, die uns umgeben. Welten, die entstehen durch das Erklingen, durch das Tönen der Materie. Es sind Welten, die außerhalb von uns Menschen existieren und in uns selbst durch Resonanz sich ausbreiten.

Jede Materie besitzt die Möglichkeit, in Klang versetzt zu werden. Im Abendland, in unserem direkten Kulturkreis ordnen wir dem Stein dies nicht zu. Hier gilt er als tote Materie, als Grabstein, als Ende des Lebens symbolisch geworden. In China kennt man dieses Phänomen des klingenden Steins schon seit über 3000 Jahren. Dort wird der Stein als heiliges Material verehrt.

Jeder Stein hat den Klang in sich, in jedem Stein kann der Klang gefunden, er selbst zum Klingen gebracht werden. Es ist ausschließlich eine Frage der menschlichen künstlerischen Kompetenz, der Kompetenz des Musikers, eine Frage der technischen, mentalen und spirituellen Fähigkeiten, dies zu erreichen. Ein Stein sollte immer nur sehr langsam und eher indirekt und absichtslos zum Klingen gebracht werden, man sollte sich viel Zeit dazu nehmen. Oft benötigt man Monate-, Jahrelange künstlerische Arbeit, um diese Klänge zu öffnen und mit ihnen zu leben. Es ist immer ein sehr bedeutender Moment, wenn nach den Bearbeitungen beim Steinmetz der erste Ton nach Millionen von Jahren aus dem Stein erwächst und sich langsam in ihm, im Raum und in uns Menschen ausbreitet. Die Kraft der Klänge ist sehr komplex und intensiv und in permanenter, umfangreicher Tätigkeit muß man sich diese elementaren Kräfte wieder erarbeiten. Erst wenn man erreicht hat, ohne Kraft, nur mit den fühlenden Kategorien des sinnlichen Denkens im Respekt und der Hochachtung vor dem Stein mit ihm zu denken, fühlen, kommunizieren, ist man weitergekommen.

Steine sind in der ganzen Welt verbreitet, auf ihnen stehen wir, sie beeinflussen unser Bewußtsein, unsere Denkweise, unsere Sicherheit, unsere Resonanz, obwohl wir sie nach Außen meistens gering achten.

Sie sind interreligiös, interdisziplinär, international, intermedial, nicht dazwischen sondern immer alles, Anfang, Ende und Weg.

Sie sind der Klang der Erde, auf ihnen wird die Kirche gebaut. wie Petrus sagt, sie sind die Steine des Anstoßes, die Steine der Weisheit, sie sind die Edelgestirne.

Mit ihnen tönend zu leben bedeutet eins zu sein und alle Kraft mit sich zu tragen. In dieser Resonanz werden die Grenzen aufgehoben, wird Musik erfahren, die nicht die Unwahrheit sprechen kann, da dies ihrem Wesen fremd ist.

Hier finden wir als Menschheit die Möglichkeit, miteinander umfassend umzugehen. Klang, Rhythmus, Musik ist immer Kooperation, niemals Konkurrenz, Co-Kreation, wie man heute sagt, alle Sinne umfassend. Und dies erreicht mit dem Klang des Steins die Dimension der Welt.

Hier können Menschen unterschiedlichster Hautfarbe, unterschiedlichster Anschauung, unterschiedlichster religiöser Betrachtungsweise, unterschiedlichster Bildung miteinander umgehen, miteinander denken, fühlen, klingen.

Seit nahezu 8 Jahren arbeiten wir an der Musik aus den Steinen und entwickeln diese aufgrund unseres Eigenverständnisses, des hohen eigenen professionellen Anspruchs und unserem umfassenden musikalischen Verständnis zusammen mit der Universalität der Steine auf deren, für uns allerhöchstem Niveau.